19.06.2026
Robert Rieger ist ein in Berlin lebender Fotograf mit Schwerpunkt auf Interior- und Portraitfotografie. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine atmosphärische, filmische Bildsprache aus, bei der Licht, Komposition und das Erzählen von Geschichten eine zentrale Rolle spielen.
Im Interview spricht er über seinen Weg in die Fotografie, die Herausforderungen internationaler Produktionen, seinen kreativen Arbeitsprozess sowie darüber, wie es gelingt, zwischen Kundenanforderungen und einer eigenen visuellen Handschrift die Balance zu halten.
Hey Robert! Magst du dich einmal kurz vorstellen und erzählen, wie dein Weg in die Fotografie begonnen hat, welche Genres du heute fotografisch bedienst und wie du dort angekommen bist, wo du heute stehst?
Schon in Kindheitstagen habe ich mich sehr für Fotografie interessiert und hatte das Glück, dass mein Onkel Fotograf war. Er fotografierte damals natürlich analog auf Mittelformat, und als Kind waren die großen Kameras wie die Pentax 67II oder die Mamiya 645 AF natürlich sehr beeindruckend. Als Teenager kamen die ersten erschwinglichen Digitalkameras auf den Markt, und so habe auch ich mit dieser Technik angefangen zu fotografieren. Jedes Jahr wurden die Kameras besser, und es war unheimlich faszinierend, die Ergebnisse direkt betrachten und anschließend weiterbearbeiten zu können. Ich glaube schon, dass es dadurch möglich war, schneller zu lernen, da Speicherplatz im Gegensatz zum Analogen günstiger war und man sich viele
Fehler erlauben konnte.
Nach meinem Designstudium in meiner Heimatstadt Münster bin ich nach Berlin gezogen, um bei einem Magazin zu arbeiten. Nach drei Jahren habe ich mich dann als Fotograf selbstständig gemacht. Heute konzentriere ich mich auf Interior- und Portraitfotografie, eine Kombination, die nicht oft zu finden ist. Beide Genres sind sowohl technisch als auch inhaltlich sehr unterschiedlich. Genau das macht sie für mich so spannend.




Deine Bilder haben einen total eigenen Look und wirken oft fast wie Filmszenen. Wie schaffst du es, dass Räume bei dir emotional wirken und nicht einfach nur dokumentiert werden? Und worauf achtest du fotografisch zuerst, wenn du an einem neuen Ort ankommst?
Vieles liegt sicherlich in der Planung. Bevor ich überhaupt anfange zu fotografieren, arbeite ich bereits an den Kompositionen mit meinem Smartphone und achte auf die Lichtverhältnisse.
Mich interessiert weniger die reine Dokumentation eines Raums, sondern vielmehr die Atmosphäre, die er vermittelt. Licht spielt dabei die wichtigste Rolle. Oft sind es bestimmte Lichtstimmungen, Schatten oder kleine Details, die einen Raum lebendig wirken lassen und ihm eine erzählerische Qualität geben. Bei der Interiorfotografie spielt natürlich auch das Styling eine wichtige Rolle, das ich im Austausch mit Stylist:innen und Art Director:innen bespreche und umsetze.
Es kommt außerdem auf die Art der Produktion an. Für Editorials ist das Team oft kleiner und ich übernehme teilweise auch das Styling selbst. Bei kommerziellen Produktionen gibt es hingegen spezialisierte Teams, die sich um Styling und Lichtaufbau kümmern.


Natürlich müssen wir auch über Gear sprechen. Mit welchem Equipment arbeitest du aktuell am liebsten, welche Kameras oder Objektive begleiten dich fast immer und was ist dir bei deinem Setup besonders wichtig?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die digitale Fotografie die analoge Technik relativ schnell nahezu vollständig ersetzt hat – zumindest im kommerziellen Bereich.
Zu Beginn entwickelten sich Kameras von Jahr zu Jahr enorm weiter, und es war wichtig, technisch immer auf dem neuesten Stand zu sein. Das ist heute zum Glück nicht mehr ganz der Fall. Gute Kameras sind deutlich erschwinglicher geworden, und welches Modell man nutzt, ist fast schon nebensächlich. Alle großen Hersteller produzieren hervorragende Kameras. Am Ende geht es vor allem darum, welches System am besten zum eigenen Workflow passt.
Persönlich arbeite ich mit einer digitalen Mittelformatkamera und einem umfangreichen Objektivpark, der mich für Auftragsarbeiten um die ganze Welt begleitet. Zusätzlich nutze ich eine digitale Kompaktkamera für private Reisen und den Alltag. Für Scouting und Recce arbeite ich mit meinem Smartphone, das bewusst keine perfekten Bilder liefert, aber dem Team eine sehr gute Vorstellung von der späteren Komposition vermittelt.




Nimm uns gerne mal mit in deinen kreativen Prozess. Wie entsteht bei dir ein Bild von der ersten Idee bis zum finalen Look und welcher Teil davon ist geplant, entsteht spontan oder entwickelt sich erst in der Postproduktion?
Das ist ein langer und meist komplexer Prozess. Bei großen Werbeproduktionen beginnt alles häufig mit Pitch-Meetings und Präsentationen, in denen ich meine Arbeit und meinen Ansatz vorstelle. Danach geht es um die konkrete Planung der technischen Umsetzung: Teamzusammenstellung, Lichtkonzept, Styling, Shotlist und
vieles mehr.
Spontan verändert sich vor Ort größtenteils gar nicht mehr so viel, da oft auch die Zeit für größere Experimente fehlt. Anders ist es bei redaktionellen Projekten. Hier ist der Vorlauf meist kürzer und die Teams sind kleiner, was aber keineswegs bedeutet, dass die Projekte weniger spannend sind. Im Gegenteil: Oft entstehen bei Editorialproduktionen besonders interessante Bilder.
Zu Beginn jeder Produktion – egal ob kommerziell oder editorial – schaue ich mir zunächst die Location an und plane meine Kompositionen. Dadurch weiß ich meist schon früh, welche Motive auf mich zukommen, und kann mich anschließend ganz auf die technische Umsetzung konzentrieren.


Du arbeitest weltweit mit großen Marken, Hotels, Creative Directors und ArchitektInnen zusammen. Wie sehen solche Zusammenarbeiten meistens aus und wie gelingt es dir trotzdem, deinen eigenen Stil beizubehalten, obwohl KundInnen oft sehr konkrete Vorstellungen haben?
Das ist meist schwieriger, als es von außen aussieht. Tatsächlich unterscheiden sich die Bildsprachen der Marken und die Vorstellungen der Kreativen oft erheblich. Auch wenn ich glücklicherweise häufig wegen meines fotografischen Stils gebucht werde und in der Umsetzung viel Freiheit habe, gibt es oft klare Vorgaben und bestehende Bildwelten, an denen man sich orientieren muss.
Natürlich versuche ich dabei, meinen eigenen Stil beizubehalten. Gleichzeitig passe ich ihn aber auch an die jeweiligen Anforderungen an. Am Ende müssen kommerzielle Projekte häufig in bereits bestehende visuelle Welten integriert werden. Gerade dieser Balanceakt zwischen den Anforderungen eines Kunden und der eigenen Bildsprache macht für mich einen großen Teil der kreativen Herausforderung aus.




Gibt es FotografInnen oder KünstlerInnen, die dich und deine Bildsprache besonders inspiriert oder geprägt haben?
Besonders inspirierend sind für mich die Arbeiten des amerikanischen Architektur- und Interiorfotografen Julius Shulman. Er hat in der Nachkriegszeit viele Mid-Century-Häuser fotografiert, insbesondere die berühmten Case Study Houses. Seine Bildsprache wirkt bis heute erstaunlich aktuell und zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Präzision aus. Darüber hinaus haben die Arbeiten der Künstlerin Sophie Calle einen großen Einfluss auf mich. Vielleicht sieht man diesen Einfluss nicht unmittelbar in meinen Bildern, aber mich fasziniert ihre Art des Storytellings und der konzeptionellen Herangehensweise.


Welches Projekt oder Shooting ist dir bis heute besonders im Kopf geblieben und was macht ein Bild für dich am Ende wirklich stark und erinnerungswürdig?
Hier würde ich zwischen einem spannenden Shooting und einem starken Bild unterscheiden. Große Werbeproduktionen sind beispielsweise oft vom Produktionsprozess her sehr spannend, führen aber nicht immer zu den stärksten Bildern. Manchmal kommt jedoch beides zusammen. Ich erinnere mich besonders an ein Covershooting für das Esquire Magazin mit Daniel Brühl. Wir fotografierten verschiedene Posen, und bei einer Bewegung strich er sich mit der Hand durchs Haar. Kurz bevor die Hand seinen Kopf berührte, warf sein Arm einen perfekten Schatten auf sein Gesicht. Genau dieser Moment landete später auf dem Cover.
In Erinnerung geblieben ist mir auch ein Helikopterflug über die Wüste von Utah. Für die Außenaufnahmen des legendären Amangiri Resorts fotografierten wir aus der Luft und machten anschließend noch Landschaftsaufnahmen am Boden. Der Preis dafür war allerdings eine Calltime um vier Uhr morgens.




Vielen Dank, zum Abschluss für unsere LeserInnen, die auch in diese Richtung wollen. Was würdest du sagen, worauf kommt es am Anfang wirklich an? Wie wichtig waren Networking und die richtigen Kontakte auf deinem Weg und welche Fehler sollte man am Anfang lieber vermeiden?
Das Schöne an diesem Beruf ist, dass es keinen richtigen oder falschen Weg gibt und man aus ganz unterschiedlichen Richtungen erfolgreich in die Fotografie einsteigen kann. Ich selbst habe beispielsweise nicht Fotografie studiert, sondern Kommunikationsdesign. Während des Studiums habe ich mich stark auf Magazingestaltung konzentriert, wobei Fotografie natürlich ein wesentlicher Bestandteil des Editorial Designs war. Networking ist auf jeden Fall wichtig und wird es auch in Zukunft bleiben.
Gerade heute konkurriert man nicht mehr nur mit anderen Fotograf:innen, sondern zunehmend auch mit KI-generierten Bildern. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach jedoch, dass man selbst versteht, welche Themen und welche visuelle Sprache man langfristig verfolgen möchte.
Das muss man am Anfang seiner Karriere noch nicht unbedingt wissen. Mit der Zeit hilft diese Klarheit jedoch dabei, die richtigen Kontakte zu knüpfen, das eigene Portfolio gezielt weiterzuentwickeln und sich thematisch zu positionieren.