31.08.2026
Businessfotografie muss weder steif noch austauschbar sein, das zeigt die Münchner Fotografin Mirjam Hagen mit jedem ihrer Bilder. Ihre moderne Bildsprache verbindet die Ästhetik der Fashionfotografie mit einem feinen Gespür für Menschen und Personal Brands. Im Interview erzählt sie, wie sie über Psychologie und Marketing eher ungeplant in der Selbstständigkeit gelandet ist, warum Female Empowerment ihre Arbeit prägt und wie es ihr gelingt, trotz Social Media ihrer eigenen Bildsprache treu zu bleiben.
Hey Mirjam! Erzähl doch mal, wer du bist und wie du eigentlich bei der Fotografie gelandet bist, obwohl ursprünglich eher Psychologie und Marketing auf deinem Plan standen?
Privat habe ich schon immer gerne fotografiert, aber ich hätte mir nie vorstellen können mal selbstständig zu sein und schon gar nicht als Fotografin. Daher hatte ich auch erstmal meine Psychologie und Marketingstudium abgeschlossen und wollte in die Richtung Wirtschaftspsychologie gehen. Den ersten beruflichen Kontakt mit der Fotografie hatte ich dann durch die Arbeit bei der Allianz in der internen Kommunikation. Dort habe ich unter anderem Fotos für ein das interne Magazin 1890 gemacht.
Als ich intern die Abteilung gewechselt habe, hat mich mein damaliger Chef mehrmals dazu aufgefordert, mich nebenberuflich als Fotografin selbstständig zu machen, damit sie mich weiterhin beauftragen können. Ich habe das fast etwas widerwillig gemacht, weil ich nie geplant hatte, selbstständig zu sein, und mir der bürokratische Aufwand dafür unverhältnismäßig schien.
Damit hatte ich aber den ersten Fuß in der Selbstständigkeit. Nachdem ich dann als Angestellte in eine Unternehmensberatung gewechselt bin, habe ich dort nur vier Tage gearbeitet und konnte einen Tag meiner selbstständigen Tätigkeit als Fotografin nachgehen.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir die Fotografie bzw. die Selbstständigkeit mehr liegt als das Angestelltendasein. Nach zwei Jahren in der Unternehmensberatung habe ich gekündigt und mir ganz österreichisch gedacht: „Ja, schauen wir mal, dann sehen mal schon.“ Für mich war die Selbstständigkeit als Fotografin lange nur ein Experiment. Nach fünf Jahren Vollzeit-Selbstständigkeit weiß ich jetzt: Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Und ja, man kann davon leben, sogar sehr gut ;).




Auch wenn meine Bilder fürs Business meiner KundInnen genutzt werden, mag ich es, wenn meine Fotos an Bilder aus einem Fashionmagazin erinnern. Das unterscheidet meine Fotos vielleicht von anderen in meiner Branche.Ich bin der Meinung, dass Fotos fürs Business heutzutage weder starr noch langweilig, noch alten Klischees entsprechen müssen. Durch die sozialen Medien sind wir auch im beruflichen Kontext viel freier geworden, was die Bildsprache angeht.
Diese Entwicklung mag ich sehr. Denn ich glaube: Je weniger man sich als Mensch für seinen Beruf verstellen muss, desto mehr Freude macht die Arbeit und desto erfolgreicher wird man darin. Fotos im beruflichen Kontext können also viel nahbarer, authentischere Bilder sein. Es gibt mehr Raum für Persönlichkeit und Kreativität.




Ich liebe es, von Menschen umgeben zu sein, die motiviert, ambitioniert, positiv, herzlich, hands-on und wertschätzend im Umgang sind. Und ich mag flache Hierarchien und Augenhöhe. Die GründerInnen-Szene in München und Berlin erlebe ich genau so. Ich bin so dankbar, von so vielen Menschen umgeben zu sein, die etwas machen, für das sie wirklich brennen. Die mutig sind und an ihre Vision glauben, Risiken eingehen und alternative Wege wählen.
Außerdem finde ich es einfach wahnsinnig spannend, mich mit den GründerInnen, CEOs, AutorInnen und anderen Selbstständigen über ihre Geschäftsmodelle und ihre Herausforderungen auszutauschen, hinter die Kulissen schauen zu können … und immer wieder neue Menschen kennenzulernen, die ähnliche Leidenschaften und Werte teilen.
Ich bin unglaublich dankbar für das Netzwerk, das ich mir in den Jahren meiner Selbstständigkeit aufbauen konnte.




Ich bin keine technische Fotografin. Mein Fokus liegt bei einem Shooting nie beim Equipment, sondern immer beim Menschen. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einem technisch perfekten Bild und einem Bild, auf dem die Person einen tollen Ausdruck hat (und damit verbunden die richtige Story erzählt) würde ich mich immer für den Ausdruck entscheiden. Nichtsdestoweniger braucht es natürlich auch eine gute Ausrüstung. Ich fotografiere seit Jahren mit der Canon R6. Sie hat sich sehr bewährt.




Ich fotografiere sehr intuitiv, aus dem Gefühl heraus, und ganz oft kommen mir beim Tun dann die besten Ideen ganz spontan. Ideen, die man vorher nicht hätte planen können. Wie das Foto von Pia mit dem Glas: Mir ist das Glas beim Shooting heruntergefallen, es ist zerbrochen und dann haben wir es einfach in das Shooting integriert. Außerdem kommen meine ästhetischen Inspirationen eher aus der Fashion-Fotografie als aus der Businessfotografie. Gleichzeitig habe ich immer im Blick, wer die KundInnen meiner KundInnen sind. Die Fotos sollen eine Brücke bauen und für meine KundInnen, die richten KundInnen anziehen, das habe ich auch immer im Kopf.
Ich mag es also die Ästhetik aus der Fashionwelt und die Strategie aus der Businesswelt zusammenzubringen. Und ich mache dabei nichts bewusst anders, sondern mache einfach, ohne dabei fotografisch zu viel nach links und rechts zu schauen.




In deiner Arbeit treffen Kreativität, Unternehmertum und auch Psychologie aufeinander. Wie schaffst du es, diese unterschiedlichen Seiten miteinander zu verbinden?
Ich denke, dass mir das sehr leichtfällt, weil mich genau dieser Sweet Spot zwischen diesen drei Bereichen ausmacht. Fotografie – so wie ich sie lebe – ist ein absolutes People Business. Mein Psychologiestudium und die Neugier an Menschen kommt mir dabei an vielen Stellen zugute. Mit der Selbstständigkeit wurde mir auch bewusst, wie leidenschaftlich gerne ich unternehmerisch denke, nicht nur für mich, sondern auch für meine KundInnen. Der zielgruppenorientierte Blick aus meinem Marketingstudium hilft mir hier sehr.
Die Basis von Kreativität ist für mich seine innere Stimme gut hören zu können, durch genug Pausen (für mich gerne in den Bergen) in einen State zu kommen oder zu bleiben, indem man Ideen „empfangen“ kann. Selbstführung spielt hier eine entscheidende Rolle und das Thema interessiert mich auch total. Wenn ich diese drei Dinge also in einer Tätigkeit verbinden kann, bin ich in meiner Magic Zone.




Unsere Gesellschaft ist geprägt durch den Male Gaze, einen objektivierenden, sexualisierenden Blick auf die Frau. Mir ist es ein intrinsisches Anliegen, Frauen stark, mutig und auch sinnlich, aber nicht sexualisiert zu zeigen. Ich leite daher entsprechend gerne bei Frauen auch Power-Posen an, Posen, die Raum einnehmen und Stärke ausstrahlen. Mir ist es wichtig, damit einen kleinen Beitrag zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft zu leisten (auch sonst im Alltag), denn ich bin davon überzeugt, dass das wahnsinnig viele Probleme unserer Welt lösen würde.




Social Media regelmäßig zu bespielen und sich dabei nicht stressen zu lassen, ist eine große Herausforderung – auch für mich. Mit der Zeit wurde es für mich aber einfacher, weil ich mir wiederholende Formate überlegt habe und Formate, bei denen ich mein Bildmaterial quasi recyceln kann. Außerdem habe ich an einem Punkt beschlossen, dass es für mich nicht um maximale Reichweite geht, sondern mehr darum, Menschen zu erreichen, die sich auch wirklich für mein Angebot interessieren und die meine Werte teilen. Das hat Druck herausgenommen.
Ich poste mal mehr und mal weniger. Mein Account ist daher sehr organisch gewachsen und – auch wenn ich nicht besonders viele Follower habe – ist mein Account total wertvoll für mich. Er funktioniert unternehmerisch sehr gut, es sind genau die richtigen Leute da. Ich folge übrigens auch gar nicht so vielen FotografInnen – nicht bewusst, sondern weil ich mich eher für die Accounts von GründerInnen und meinen (potenziellen) KundInnen interessiere. Das hilft mir sicher auch, bildsprachentechnisch auf meinem ganz persönlichen Weg zu bleiben.
Ich merke: Zu dem Thema Social Media könnte ich aber nochmal ein extra Interview führen – dazu gibt es echt viel zu sagen.