INTERVIEW MIT FRANZ GRÜNEWALD

11.08.2026

INTERVIEW MIT FRANZ GRÜNEWALD

Franz Grünewald ist ein in Berlin lebender Fotograf, der international im Editorial- und Commercial-
Bereich arbeitet. Seine Bildsprache ist geprägt von Ruhe, natürlichem Licht und einer zeitlosen,
eleganten Ästhetik. Dabei verbindet er authentische Momente mit einer klaren und feinfühligen
Komposition.

Ein besonderer Teil seiner Arbeit ist der Umgang mit den Menschen vor der Kamera. Mit seiner
ruhigen und offenen Art schafft Franz eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich seine
KundInnen gesehen und wohl fühlen. Aus dieser Nähe entstehen Bilder, die echt, emotional und
unmittelbar wirken – und ihre Stärke oft gerade in den leisen Momenten entfalten.


Hey Franz! Magst du dich einmal kurz vorstellen und erzählen, wie dein Weg in die Fotografie
begonnen hat und was dich bis heute daran fasziniert?


Mein Name ist Franz Grünewald, ich bin Fotograf für Portrait, Lifestyle, Interior und Travel und lebe in Berlin.

Mein Weg in die Fotografie begann als Kind, als ich bei einer Urlaubsreise mit der kleinen Digitalkamera meiner Familie rumspielte und plötzlich für die Urlaubsfotos verantwortlich war. Von Anfang an faszinierte mich das Sammeln von Bildern und da ich sehr interessiert an allem war, was mit Computern zu tun hatte, begann ich, die Bilder zu verfremden, zu collagieren und zu ordnen. Ich fotografierte so ziemlich alles, was ich in der
ostdeutschen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, vorfinden konnte: Landschaften, Pflanzen,
Industrieruinen und Architekturdetails. Recht schnell habe ich mich auch an Portraits gewagt. Die ersten
Protagonist:innen waren Freund:innen aus der Schule und da damals alle gute Bilder für die aufkommenden sozialen Netzwerke wollten, war mein Angebot sehr beliebt. Irgendwann fragte jemand, was so ein Shooting bei mir eigentlich kostet. Von den ersten kleinen Jobs habe ich mir sofort eine bessere Kamera gekauft. 

Für mein Kommunikationsdesign-Studium bin ich dann nach Berlin gezogen, hier hat sich mein ästhetisches Verständnis geformt. Wir haben uns viele Positionen künstlerischer Fotografie angeschaut und ich bin in alle Museen gegangen, habe Fotobücher und Zeitschriften gesammelt. Das neue Wissen und die Inspiration
hatten eine immense Sogwirkung. Nebenher habe ich da schon an größeren Fotojobs gearbeitet und nach dem tudium habe ich mich dann völlig auf die Selbständigkeit konzentriert.

Auch heute noch fasziniert mich die Arbeit an und mit Bildern sehr. Wie Bilder miteinander harmonieren, wie Bildsequenzen funktionieren, welche Geschichten und Emotionen erzählt werden können, wie vielfältig
Fotografie ist. Ich arbeite viel an meinem Archiv und es ist ein schönes Gefühl, wenn ich Bilder finde, zwischen denen teilweise zehn Jahre liegen, die überraschend miteinander funktionieren.

Fotos: Franz Grünewald

Wie würdest du deinen fotografischen Stil beschreiben und wie hat er sich mit der Zeit verändert?


Schon von Anfang an war mein Stil von einer gewissen Ruhe geprägt, einem Innehalten. In früheren Tagen spielte ein melancholischer Unterton eine größere Rolle, da hatten die Bildwelten auf Tumblr einen großen
Einfluss auf mich. Heute ist es mir wichtig, dass ich mit meinen Bildern einen einladenden, sensiblen Augenblick schaffe, der eine gewisse Nähe herstellt.
Ich habe ein klares „internes Regelwerk“ dafür, wann ein Bild für mich funktioniert, aber das lässt sich schwer in Worte übersetzen. Trotzdem breche ich da auch immer wieder bewusst aus, versuche meine eigenen 
Gewohnheiten zu überlisten und mich selbst mit einer ungewohnten Komposition oder einem neuen Color
Grading zu überraschen.

Foto: Franz Grünewald

Für diese ruhige und natürliche Stimmung deiner Bilder: wie wichtig ist natürliches Licht für deine
Arbeit und arbeitest du trotzdem auch mit künstlichem Licht oder versuchst du möglichst viel
„available light“ einzufangen?


In den Anfängen habe ich nur mit natürlichem Licht fotografiert, jedoch auch da schon das Licht mit
Reflektoren, Diffusoren etc. geformt. Mit größeren Werbeproduktionen kam die Notwendigkeit einher, natürlich wirkendes Licht künstlich herzustellen, da man an einem Produktionstag nicht auf den perfekten Lichteinfall warten kann. Mit Lichtkonzepten habe ich über die Jahre viel Erfahrung gesammelt und sie sind heute ein sehr großer Bestandteil meiner täglichen Arbeit. Glücklicherweise arbeite ich mit tollen Teams zusammen, mit denen ich auch komplexe Lichtsituationen planen und natürlich abbilden kann.

Fotos: Franz Grünewald

Mit welchem Equipment arbeitest du aktuell am liebsten und gibt es Kameras oder Objektive, die
deine Arbeit oder deinen Stil über die Jahre besonders geprägt haben?


Aktuell arbeite ich mit einer Nikon Z9 als Hauptkamera. Eigentlich ist das eine Sportkamera, nur, dass sie im Prinzip alles kann und mir nur ganz selten im Weg steht. Genau das ist für mich das Wichtigste an der Kameratechnik. Ich benötige für meinen Job absolute Zuverlässigkeit und Robustheit. Dinge wie große Akkus und ein schneller Autofokus sind für mich essenziell, damit ich reibungslos und konzentriert arbeiten kann.
Bei Objektiven ist mir die Lichtstärke und Abbildungsqualität wichtig. Für schnelle Editorials mag ich es, mit
einem Klassiker-Zoom wie dem 24-70 2.8 zu fotografieren und agil zu bleiben. Ich arbeite besonders gern mit längeren Brennweiten, die es mir erlauben, Motive zu verdichten und Klarheit in der Komposition zu schaffen.
Für freie Projekte habe ich auch mit analoger Technik experimentiert, aber immer wieder zum Digitalen zurückgefunden. Mir gefällt daran, dass ich sofort an den Rohdaten arbeiten kann – oft hilft es mir, mit der
Bearbeitung gleich zu beginnen, wenn die Ideen und Gedanken hinter den Bildern noch ganz frisch sind.
Auf privaten Reisen nutze ich eine Nikon Z6, die ich gut überall mit hinnehmen kann und mit der ich nicht
gerade vorsichtig umgehe. Gerade bei Trekking-Reisen beschränke ich mich gern auf ein Objektiv, die
technische Limitierung ist für mich dann eher reizvoll als hinderlich.

Foto: Franz Grünewald

Wie herausfordernd war es für dich, aus deiner Fotografie wirklich etwas Langfristiges zu machen?


Für mich persönlich war es ein sehr organischer Weg. Vom ersten kleinen Portrait-Job zu großen
internationalen Produktionen hatte ich stets das Gefühl, dass die Herausforderungen (und ich) natürlich
gewachsen sind. Schon früh wollte ich Fotograf werden und habe mich bereits in jungen Jahren in diese
Richtung orientiert.  Ehrlich gesagt gab es auch keine andere Option, die ich ernsthaft verfolgt habe. Geholfen hat mir auf jeden Fall, dass ich viel positives Feedback erhalten habe und ich von Anfang an viel von meinen
Arbeiten gezeigt habe.

Fotos: Franz Grünewald

Würdest du sagen, du dokumentierst eher echte Momente oder inszenierst du deine Bilder bewusster, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt?


Häufig ist es eine Symbiose aus beidem. Gerade bei der Arbeit an Portraits, beispielsweise für Magazine und Zeitungen, versuche ich dort einzugreifen, wo ich Potenzial für eine Verbesserung sehe oder die Person vor der Kamera eventuell mit einer Idee inspirieren kann. Gleichzeitig bleibe ich aber offen für das, was sich natürlich ergibt und lasse Momente auch einfach passieren. Personen, die selten vor der Kamera stehen, sollte man auf jeden Fall genügend Zeit geben, um sich an die Situation des Fotografiertwerdens zu gewöhnen. In dieser
Auftauphase können interessante Augenblicke entstehen, wenn man gemeinsam etwas experimentiert und dem Gegenüber klarmacht, dass es eigentlich kein„Falsch“ gibt. Das nimmt viel Anspannung und Scheu. 
Bei Interior- und Lifestyleprojekten ist es deutlich inszenierter, da wird durch Styling und Licht schon viel
gesteuert. Aber auch da entsteht jedes Mal eine gewisse Euphorie, wenn plötzlich die Sonne genau im
richtigen Winkel durch das Fenster scheint und ich nutze diesen spontanen Moment in jedem Fall.

Foto: Franz Grünewald

Wenn du heute auf deine ersten Jahre in der Fotografie zurückblickst, was hat dir damals am meisten geholfen, deinen eigenen Stil zu entwickeln?


Mir hat es geholfen, einen guten Überblick über die gesamte Bandbreite der Fotografie zuerhalten, zu wissen, welche Möglichkeiten und Strömungen es gibt und herauszufinden, wo man sich am ehesten sieht.
Inspiration ist ein großes Thema. Durch Instagram läuft man vielleicht auch Gefahr,„überinspiriert“ zu sein und zu stark an bereits bestehende Positionen und Trends anknüpfen zu wollen. Die besten Ideen habe ich in der Natur oder im Zug, abseits vom Bildschirm. Generell mag ich es, Referenzen außerhalb der Fotografie zu
finden, in Musik,Text oder alltäglichen Beobachtungen. Die zusätzliche Übersetzung, die ich zwischen der Idee und dem Bild leisten muss, hilft mir dabei, etwas Eigenes zu erschaffen.
Der eigene Stil entsteht aber auch durch konsequentes Kuratieren. Welche Arbeiten zeige ich und wie? Welche Bilder bleiben Tests und müssen gar nicht ausformuliert werden? Das sind Entscheidungen, die helfen, eine
kohärente Bildsprache zu entwickeln.

Fotos: Franz Grünewald

Vielen Dank, zum Abschluss für unsere LeserInnen .. Was würdest du Menschen raten, die gerade
versuchen, aus ihrer Leidenschaft wirklich etwas Langfristiges aufzubauen?

 
Fotografie ist, darf und sollte ein riesiges Spielfeld sein. Technik ist am Anfang nicht das Wichtigste und die eigene visuelle Sprache findet sich früher oder später durch intensives Ausprobieren, Reflektieren und
Verändern. Hilfreich ist, wenn man sich eine Offenheit beibehält, für neue Impulse und Themen, aber auch
Offenheit im Umgang mit den Mitmenschen – vor allem, wenn aus der Fotografie ein Beruf werden soll.
Kreative Prozesse führen häufig zu unterschiedlichen Meinungen, weil es kein eindeutiges, „richtiges“ Ergebnis gibt. Herzlichkeit und Gelassenheit helfen ungemein, Empathie schadet nie! Am Ende des Tages muss es vor allem Spaß machen.